4 Stufen der Trennung
Auch wenn einige Menschen völlig überraschend mit den Trennungs- oder Scheidungsabsichten ihres Partners oder ihrer Partnerin konfrontiert sind, so gibt es doch in den meisten Fällen recht klare Anzeichen für eine Verschlechterung der Beziehung, die schließlich zum endgültigen Zerwürfnis führen kann.
Der amerikanische Paarforscher Gottman geht in seiner Arbeit davon aus, dass eine Trennung nicht plötzlich und unvorhersehbar erfolgt, sondern das Ende eines längeren Prozesses ist. Nach seiner Beschreibung durchläuft ein Paar vier Stufen - auch die vier apokalyptischen Reiter genannt - bevor es sich trennt. Diese vier Stufen charakterisieren Defizite in der partnerschaftlichen Kommunikation, die letztendlich zur Trennung führen können, sofern es dem Paar nicht gelingt aus diesem Prozess auszusteigen.
Stufe 1 - Kritik
Die erste Stufe wird ausgelöst durch destruktive Vorwürfe, Anklagen oder kritische Bemerkungen zum Verhalten des Partners bzw. der Partnerin, die ihren Höhepunkt in einer generellen Verurteilung des anderen finden.Im Unterschied zur Beschwerde bedeutet persönliche Kritik, dass nicht eine konkrete Verhaltensweise, sondern die Persönlichkeit bzw. der Charakter des Partners angegriffen wird.
Stufe 2 - Verachtung
In weiterer Folge kommt zu gegenseitiger Verachtung, gestützt von zynischen Bemerkungen, Provokationen, Beleidigungen und Abwertung. Verachtung wird ausgedrückt mit der Absicht, den Partner / die Partnerin zu beleidigen und emotional zu verletzen. Immer stehen verächtliche Verhaltensweisen mit sehr negativen Gedanken über den Partner in Zusammenhang - er ist dumm, verantwortungslos, inkompetent etc. Häufig finden sich Beleidigungen und Schimpfworte, feindseliger Humor, Spott und Verhöhnungen sowie eine feindselige Körpersprache (z.B. spöttisches Lächeln, Augenverdrehen).
Stufe 3 - Defensivität
Auf Kritik und Verachtung folgt die Stufe der Defensivität, die gekennzeichnet ist durch Gegenvorwürfe, Schuldzurückweisungen und "Ja, aber"-Äußerungen. Abwehr ist durchaus eine verständliche Reaktion, wenn man sich angegriffen fühlt, trotzdem führt sie eher zu einer Verschärfung als zu einer Lösung des Konflikts. Viele Menschen leugnen jede Verantwortung und bestehen darauf, dass sie keine Schuld trifft. Sie führen Rechtfertigungen an und berufen sich auf äußere Umstände, die sich der eigenen Kontrolle entziehen.
Oft wird mit gegenseitigen Beschuldigungen auf eine Beschwerde des Partners reagiert - sie ignorieren die vom Partner formulierten Vorwürfe völlig und parieren sofort mit einer eigenen Beschwerde. Eine häufige Strategie ist es auch, den eigenen Standpunkt ständig zu wiederholen, anstatt zu versuchen die Position des Partners zu verstehen.
Stufe 4 - Rückzug
In weiterer Folge reagiert der/die PartnerIn mit Rückzug, er/sie ignoriert das Gegenüber, bricht die Kommunikation ab und nimmt eine abblockende Haltung ein. Manche Menschen reagieren überhaupt nicht mehr, wenn ihr/e PartnerIn sich über sie aufregt, andere äußern sich nur einsilbig oder wechseln schnell das Thema. Sobald ein Partner dazu übergeht, regelmäßig zu mauern, ist die Beziehung stark gefährdet. Oft berichten Menschen, die abblocken und sich zurückziehen, dass sie nur versuchen, eine "neutrale" Haltung einzunehmen. Dabei ignorieren sie jedoch die Wirkung, die der Rückzug auf den Partner hat: er vermittelt Missbilligung, eisige Distanz und Selbstgefälligkeit.
Beim Rückzug zeigen sich klare geschlechtsspezifische Unterschiede: die meisten Männer zeigen keine starken physiologischen Reaktionen, wenn ihre Frauen die Kommunikation abbrechen. Hingegen erhöht sich der Herzschlag der Frauen dramatisch, wenn ihre Partner abblocken. Da etwa 85 % der "Abblocker" Männer sind, handelt es sich hier also in erster Linie um ein Problem, das Frauen mit ihren Männern haben.
Die 1:5-Regel
Paare, die diese Stufen durchlaufen zeigen insgesamt eine eher geringe konstruktive Konfliktlösefähigkeit und eine niedrige Partnerschaftszufriedenheit. Grundsätzlich ist aber weniger das Ausmaß an aversiver Interaktion, wie sie oben beschrieben ist, für den weiteren Verlauf der Partnerschaft und das Scheidungsrisiko relevant, sondern vielmehr die Fähigkeit des Paares, negative durch positive Interaktionen auszugleichen bzw. zu kompensieren. Paare, die negative Kommunikation zumindest im Ausmaß von 1:5 durch positive Interaktionen kompensieren können, haben eine günstige Prognose, was die Partnerschaftszufriedenheit und Beziehungsstabilität betrifft.