Familienlebenszyklus
Neuere Studien zeigen, dass eine Ehe (bei Vorhandensein von Kindern) in ihrem Verlauf einer grundlegenden Ordnung folgt. Obwohl jede Ehe ihre besonderen Aspekte hat und letztlich einzigartig ist, durchlaufen alle fortdauernden Ehen einige aufeinander folgenden Phasen und verlangen die Erfüllung gewisser Aufgaben. Nur wenn es dem Paar gemeinsam gelingt, diese Aufgaben zufrieden stellend zu bewältigen, ist die Ehe funktional und die Ehequalität hoch. Im folgenden wird der typische Phasenverlauf einer Ehe mit Kindern sowie die damit verbundenen Aufgaben überblicksartig beschrieben.
Phase 1 - Werbung
In der Werbungsphase lernen sich die zukünftigen PartnerInnen kennen und entwickeln eine erste Bindung, die die Basis für eine sexuell und emotional befriedigenden Beziehung bildet.
Erwartungen, Werthaltungen und Einstellungen müssen ebenso aufeinander abgestimmt werden, wie Rollenleitbilder und Partnerschaftsmodelle. Die Regeln des Umgangs miteinander werden definiert und das Paar entwickelt Konflikt- und Problemlösestrategien. In dieser Phase ist die Entwicklung einer Paaridentität zentral, wobei die Abgrenzung der Paarbeziehung nach außen und die Ablösung von der Herkunftsfamilie wichtig sind.
Abgeschlossen wird die Werbungsphase mit der Entscheidung, ob Liebe und Beziehungsqualität ausreichen, um zu heiraten bzw. eine überdauernde eheähnliche Lebensgemeinschaft einzugehen.
Phase 2 - die ersten Ehejahre
Nun müssen eine zufrieden stellende Arbeitsteilung vereinbart und Entscheidungsbefugnisse geklärt werden. Die Partnerrolle muss mit anderen Rollen (z.B. im Beruf, in der Herkunftsfamilie,...) abgestimmt werden und die Beziehung braucht eine Abgrenzung nach außen.
Im Wesentlichen geht es um die Entwicklung eines befriedigenden Verhältnisses zwischen Zeiten der Gemeinsamkeit, Nähe und Intimität auf der einen Seite und Zeiten der Distanz, Selbstdifferenzierung und Autonomie auf der anderen Seite. Auch werden die in der Werbungsphase definierten Regeln, Vereinbarungen und Konfliktlösungsansätze weiterentwickelt und ergänzt.
Einen Abschluss findet die Phase 2 mit der gemeinsamen Entscheidung, ob ein Kind gezeugt werden soll.
Phase 3 - Ehe mit Kleinkindern
Die frisch gebackenen Eltern müssen gemeinsam entscheiden, wie Erziehungsverantwortung- und aufgaben aufgeteilt werden sollen, ob ein oder beide PartnerInnen berufstätig bleiben und wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gewährleistet werden soll.
Durch die Veränderung des Lebensstils in dieser Phase (weniger Zeit für Freunde, ev. engere Kontakte zu den Herkunftsfamilien) muss die auf die Partnerschaft verwendete Zeit und Energie neu bestimmt werden. Die Partner unterstützen sich gegenseitig beim Erlernen und Ausüben der Elternrollen und beim Umgang mit Stress. Durch die Weiterentwicklung der Paaridentität in Richtung Elternschaft müssen Interaktionsmuster und Beziehungsdefinitionen, Macht- und Arbeitsteilung neu definiert werden.
Wichtig ist es in dieser Phase, die Generationsgrenzen d.h. die Grenzen zwischen Ehe-Subsystem und Eltern-Kind-Subsystem zu wahren.
Phase 4 - Ehe mit Schulkindern
Eine zentrale Aufgabe in dieser Phase ist die Aufrechterhaltung von Bindung, Zuneigung und Nähe zum Partner/zur PartnerIn trotz individueller Veränderungen (neue Bedürfnisse, Interessen entwickeln sich) und Veränderungen des Lebensstils (z.B. nach Wiedereintritt der Frau in die Arbeitswelt oder aufgrund von mehr Freizeit).
Wichtig ist, dass das Ehe-Subsystem die Leitungsfunktion im Familiensystem behält. Gerade bei der Erziehung pubertierender Kinder und rebellierender Jugendlicher sowie beim Verarbeiten von Ablösungsprozessen ist wechselseitige Unterstützung der (Ehe)partnerInnen gefragt. Der Auszug der Kinder bildet den Abschluss dieser Phase.
Phase 5 - Ehe nach Ablösung der Kinder
Nun ist die gegenseitige Unterstützung beim Verarbeiten der "empty nest"-Situation notwendig. Die Paaridentität als "Paar ohne Kinder" muss weiterentwickelt, die Beziehung neu definiert werden, was oft durch die Suche nach neuen gemeinsamen Interessen, Gesprächsthemen und Aktivitäten gelingt.
Eine der wesentlichen Aufgaben in dieser Phase ist es, Bindung und Zuneigung trotz größerer Veränderungen beim Partner/bei der Partnerin aufrecht zu erhalten.
Die geringer werdende körperliche und sexuelle Leistungsfähigkeit, die abnehmende Attraktivität, "midlife crisis" und Wechseljahre können mit partnerschaftlicher Unterstützung besser verarbeitet werden. Auf die gegenseitige Hilfe bei Belastungen durch kranke, pflegebedürftige oder sterbende (Schwieger-)Eltern sowie die gemeinsame Neubestimmung der Außenbeziehung zu den eigenen Eltern, den erwachsenen Kinder, den Schwiegerkindern und Freunden sind in dieser Zeit von zentraler Bedeutung.
Phase 5 - die "alte" Ehe
Nach dem Übertritt in die Pension gilt es, die anfallenden Aufgaben und Arbeiten neu aufzuteilen und eine befriedigende Form der Tagesgestaltung zu entwickeln, die andere Lebensinhalte und sinngebende Aktivitäten umfasst.
Oft kommt es zu einer Veränderung der Machtbalance und einen Rollenwandel in der Beziehung. Unterstützung beim Verarbeiten des Pensionsschocks, beim Umgang mit Alterungsprozessen, Verlustängsten, Todesfällen und Trauer wird zum zentralen Beziehungsthema. Die Betreuung des Partners/der Partnerin im Krankheitsfall, bei Behinderung oder Pflegebedürftigkeit und die Auseinandersetzung mit Sterblichkeit und Tod sind wichtige Aufgaben in dieser Zeit.
Der schwierige Übergang
Unsere Erfahrung in der Beratung zeigt deutlich, dass vor allem in Übergangszeiten zwischen den Phasen des Familienlebenszyklus vermehrt Schwierigkeiten auftreten. So sind massive Umstellungen notwendig, wenn ein Paar zusammenzieht, wenn das erste Kind geboren wird, sich pubertierende Teenager ablösen oder das Pensionsalter beginnt. Wenn vorausgegangene Übergänge und phasenspezifische Aufgaben nur unzureichend bewältigt wurden, können größere Schwierigkeiten auftreten.
Auch die inflationäre Zunahme an Partnerschaftsmodellen ergeben für den Einzelnen und das Paar eine Vielzahl an Wahl- und Gestaltungsmöglichkeiten, die oft auch verunsichernd sind und leicht zu Konflikten führen können. Ehepartner verfügen in unserer Gesellschaft über keine eindeutigen Orientierungsmaßstäbe mehr, die ihnen die Bewältigung von Phasenübergängen erleichtern könnten.
Ehezufriedenheit im Phasenverlauf
Die Ehezufriedenheit ist in den früheren (Phase 1 und 2) und späteren Phasen (5 und 6) des Ehezyklus am größten. Ein starker Rückgang der Ehezufriedenheit ist nach der Geburt des ersten Kindes zu verzeichnen. Die Ehezufriedenheit ist bei den 30 bis 47-Jährigen am geringsten, die 48- bis 59-Jährigen beschreiben sich wieder als glücklicher in der Beziehung. Wenn die Kinder herangewachsen sind und die Partnerschaft der Eltern nicht mehr durch Erziehungsaufgaben belastet ist, verbessert sich die partnerschaftliche Zufriedenheit meist deutlich.
Bei kinderlosen Ehen ist dieser Verlauf nicht zu beobachten - die PartnerInnen sind in der Regel glücklicher.
Auch zeigt sich ein deutlicher geschlechtsspezifischer Unterschied: Frauen fühlen sich in ihrer persönlichen Entwicklung stärker vom Partner abhängig und sind vermehrt mit dem Verhalten des Partners unzufrieden, was sich in entsprechenden Änderungswünschen zeigt. So sind es auch häufiger die Frauen, die aus dem Ehezyklus ausbrechen und sich trennen oder scheiden lassen.